
Merci dix: Warum dieselbe Prämie mal klug klingt und mal „krass“
Ein kleiner Artikel über alte Mercedes, neue Dacias und die seltsame Mathematik unserer Wahrnehmung.
Die Szene
Marokko, irgendwo zwischen Casablanca und Essaouira. Ein Mercedes W123, Baujahr irgendwo in den 80ern, Karosserie beledert wie ein Boxer nach der zwölften Runde, fährt seit Jahrzehnten im Überlandtaxi-Einsatz. Die Marokkaner nennen diese Autos liebevoll „Merci dix“ – „Dank mal zehn“, ein Wortspiel auf die marokkanische Aussprache von Mercedes. [1]
Und dann kam die Regierung und sagte sinngemäß: Schrottet eure alten Benz' und wir zahlen dafür. Rund 80.000 Dirham – damals etwa 7.000 Euro – gab's als Abwrackprämie, zweckgebunden an den Kauf eines Neuwagens. Häufig war das ein Dacia aus marokkanischer Produktion. [2][3][4]
Wer das in einem Video sieht, denkt schnell: „Wow. Die sind ja krass."
Das Déjà-vu
Moment mal. Deutschland, Januar 2009: Finanzkrise, Autokauf eingebrochen, und die Regierung ruft die Abwrackprämie aus – 2.500 Euro fürs Verschrotten eines mindestens neun Jahre alten Autos. Rund zwei Millionen Fahrzeuge wanderten im Rahmen des Programms in die Presse. [5]
Die Idee war keineswegs auf Deutschland beschränkt: Großbritannien, Italien, Frankreich – auch dort gab es solche Programme, teilweise sogar schon vor der deutschen Variante. [6]
Es ist also wirtschaftlich gesehen im Kern dasselbe Instrument: Staat zahlt dafür, dass alte, dreckige, unsichere Autos gegen neue, saubere, sichere eingetauscht werden. Konjunktur ankurbeln, Umwelt entlasten, Verkehr sicherer machen. Das Argumentar-Repertoire ist identisch. [7]
Trotzdem: Die deutsche Abwrackprämie erinnern wir uns als „vernünftige Wirtschaftsförderung in der Krise". Das marokkanische Programm wirkt auf den ersten Blick wie eine exotische Kuriosität aus einem Video, das man abends im Feed serviert bekommt.
Warum ist das so? (Hier kann man was lernen)
Die Psychologie hat dafür gleich mehrere Etiketten parat:
1. In-Group-Favorisierung. Wir bewerten dasselbe Verhalten milder, wenn es „unsere" Gruppe anwendet. Wir führen eine kluge Konjunkturmaßnahme durch. Die da machen „krass Sachen mit ihren Taxis". [8]
2. Die doppelte Messlatte (Double Standard). Gleiche Handlung, unterschiedlicher Akteur – unterschiedliches Urteil. Der Fachbegriff klingt banal, aber dahinter steckt ein hartnäckiges Muster menschlicher Urteile. [9]
3. Exotisierung. Fernes wirkt automatisch extremer, besonderer, erzählenswerter. Ein marokkanischer Benz-Friedhof vor malerischer Kulisse ist Content. Eine deutsche Schrottpresse in Duisburg ist es nicht. [10]
4. Ethnozentrismus. Wir messen fremde Praktiken – ohne es zu merken – an den Regeln und Normalitäten der eigenen Kultur. Die eigene Messlatte nehmen wir dabei nie in die Hand, weil sie uns unsichtbar angeklebt ist. [11]
Das Piquante: Von außen sah übrigens auch die deutsche Abwrackprämie nicht für jeden „vernünftig" aus. Internationale Kommentatoren fanden sie teils ziemlich staatlich-interventionistisch, und ökonomisch wird bis heute gestritten, ob sie überhaupt etwas gebracht hat außer einem kurzen Kauf-Krampf, der 2010 zu einem Einbruch führte. [12][13]
Die Pointe
Marokko hat mit dem Programm übrigens ernsthaft Erfolg gehabt: Laut Angaben des marokkanischen Innenministers wurden rund 80 Prozent der gesamten Taxi-Flotte erneuert, der Kraftstoffverbrauch sank demnach im Schnitt um 40 Prozent. [14]
Die „krassen" Marokkaner haben also eine beachtliche Flottenerneuerung abgeliefert – während ein paar Romantiker in Essaouira ihren 1974er „Stroke 8" trotzdem nicht hergeben wollten. [1]
Man könnte also mit gleichem Recht sagen: „Die Deutschen haben 2009 das marokkanische Taxi-Programm erfunden – nur ohne Charakter."
Moral von der Geschichte: Bevor du beim nächsten Video denkst „wow, die sind ja krass", frag dich kurz: Tun wir das nicht auch gerade irgendwo – nur in unserem eigenen, unsichtbar-normalen Gewand? Die Antwort ist fast immer ja. Und falls nicht, ist es eine echte Story. Die ist dann sogar noch besser.
Weiterdenken gefällig? Suchbegriffe für die eigene Recherche: „In-Group Bias“, „Doppelstandard“, „Programme de renouvellement du parc des grands taxis“, „Abwrackprämie 2009 Umweltbilanz“.
Quellen
- 1Die Mercedes-Taxis und „Merci dix“
Details
John C. Silcox: Merci Dix – A Swansong for Morocco's Mercedes Grand Taxis, BBC Travel, 19. August 2021.
Der Autor dokumentiert die Geschichte der Mercedes-Taxis, die Herkunft des Spitznamens und die Begegnung mit Hassan Mesfar, Fahrer eines Mercedes „Stroke 8“ von 1974 in Essaouira.
- 2Marokkanische Abwrackprämie: 80.000 Dirham
Details
Médias24: Grands taxis: La prime à la casse est fixée à 80.000 DH, 7. Juli 2014.
Der Bericht erläutert die staatliche Förderung von 80.000 Dirham für die Verschrottung alter Grand Taxis und den Kauf geeigneter Neufahrzeuge.
- 3Historischer Wechselkurs Euro–Marokkanischer Dirham
Details
ExchangeRates.org.uk: EUR to MAD Spot Exchange Rates for 2014.
Die historischen Wechselkurse ermöglichen die Umrechnung der Förderprämie von 80.000 Dirham in ungefähr 7.170 Euro.
- 4Dacia und die marokkanische Automobilproduktion
Details
TelQuel: Casablanca: Les grands taxis nouveaux sont arrivés, 4. März 2015.
Der Bericht dokumentiert die Einführung neuer Grand Taxis in Casablanca, darunter Dacia Lodgy, Fiat Doblò und SsangYong Stavic.
Ergänzende Quelle: Renault Group – Automobilwerk Tanger ↗
Die Renault Group dokumentiert die Produktion des Dacia Lodgy im marokkanischen Werk Tanger seit 2012.
- 5Deutsche Abwrackprämie 2009
Details
International Energy Agency (IEA): Environmental Bonus, Deutschland, 2009.
Die Bundesregierung gewährte 2.500 Euro beim Kauf eines Neu- oder Jahreswagens und der Verschrottung eines mindestens neun Jahre alten Fahrzeugs. Rund zwei Millionen Fahrzeuge wurden gefördert.
- 6Europäische Abwrackprogramme im Vergleich
Details
Nina Leheyda und Frank Verboven: Scrapping Subsidies During the Financial Crisis – Evidence from Europe, ZEW Discussion Paper Nr. 13-079, 2013.
Die wissenschaftliche Untersuchung vergleicht Abwrackprogramme in neun europäischen Automärkten und ihre Auswirkungen während der Finanzkrise.
- 7Wirtschaftliche, ökologische und sicherheitstechnische Ziele
Details
Nina Leheyda und Frank Verboven: Scrapping Subsidies During the Financial Crisis – Evidence from Europe, ZEW Discussion Paper Nr. 13-079, 2013.
Dieselbe wissenschaftliche Studie wie bei Quelle [6]. Hier dient sie als Beleg für die wirtschaftlichen und umweltpolitischen Ziele staatlicher Abwrackprogramme.
- 8In-Group-Favorisierung
Details
Henri Tajfel et al.: Social Categorization and Intergroup Behaviour, European Journal of Social Psychology, 1(2), Seiten 149–178, 1971.
Die klassische Untersuchung zeigt, dass bereits die Einteilung in willkürliche Gruppen eine Bevorzugung der eigenen Gruppe begünstigen kann.
- 9Doppelstandards bei der Bewertung von Gruppen
Details
Dominic Abrams, Georgina Randsley de Moura und Giovanni A. Travaglino: A Double Standard When Group Members Behave Badly, Journal of Personality and Social Psychology, 105(5), Seiten 799–815, 2013.
Die Studie untersucht, wie Menschen vergleichbare Regelverstöße abhängig von Gruppenzugehörigkeit und Stellung der handelnden Person unterschiedlich bewerten.
- 10Exotisierung in medialen Darstellungen
Details
An Kuppens und Jelle Mast: Ticket to the Tribes: Culture Shock and the „Exotic“ in Intercultural Reality TV, Media, Culture & Society, 34(7), Seiten 799–814, 2012.
Die Untersuchung zeigt am Beispiel interkultureller Reality-TV-Formate, wie kulturelle Fremdheit als exotisches Erlebnis dargestellt wird.
- 11Ethnozentrismus
Details
Elizabeth Baylor: Ethnocentrism, Oxford Bibliographies in Anthropology, Oxford University Press, 2012.
Der wissenschaftliche Überblick erläutert die Tendenz, fremde Kulturen und gesellschaftliche Praktiken anhand der Normen und Werte der eigenen Gruppe zu beurteilen.
- 12Kritik an staatlichen Abwrackprämien
Details
Transport & Environment: Scrappage Payouts Questionable on Economic Grounds, 15. Juni 2009.
Die zeitgenössische Kritik behandelt die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen staatlicher Verschrottungsprämien, insbesondere Wettbewerbsverzerrungen und umstrittene langfristige Wirkungen.
- 13Absatzrückgang 2010 und ökonomische Bewertung
Details
European Automobile Manufacturers' Association (ACEA): Passenger Car Registrations in 2010: 5.5% Lower Than in 2009, 14. Januar 2011.
Die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland sanken 2010 gegenüber dem Vorjahr um 23,4 Prozent.
Ergänzende Quelle: Fiscal Stimulus and Consumption Spending – Forschungsarbeit 2026 ↗
Die wissenschaftliche Untersuchung analysiert die Wirkung der deutschen Abwrackprämie auf das Konsumverhalten, zusätzliche Nachfrage und zeitlich vorgezogene Fahrzeugkäufe.
- 14Marokko: 80 Prozent Flottenerneuerung und 40 Prozent Verbrauchsrückgang
Details
Le Matin: 80 % du parc des taxis est renouvelé, le prochain pari : l’électrique, 2. Januar 2026.
Nach Angaben des marokkanischen Innenministers Abdelouafi Laftit wurden rund 80 Prozent der Taxiflotte erneuert. Der durchschnittliche Kraftstoffverbrauch der modernisierten Flotte sei um annähernd 40 Prozent gesunken. Es handelt sich um Regierungsangaben und nicht um eine unabhängig verifizierte Wirkungsmessung.
Ergänzende Quelle: Bladna – Flottenerneuerung in Marokko ↗
Bladna, 5. Januar 2026. Der Bericht beschreibt die Modernisierung der marokkanischen Taxiflotte und greift die Angaben des Innenministeriums auf.

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