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Etzwiler Bahn: Eine Strecke mit Zukunft – aber ohne grünes Licht

Die alte Bahnstrecke zwischen Singen und Rielasingen-Worblingen ist längst mehr als ein nostalgisches Relikt: Eine Machbarkeitsstudie sieht durchaus Chancen für eine Reaktivierung im Personenverkehr. Doch obwohl der Nutzen grundsätzlich nachgewiesen wurde, fehlt es bislang an politischem Rückenwind und an einer gesicherten Finanzierung.

Die Bahnstrecke zwischen Singen und Rielasingen-Worblingen könnte nach mehr als fünf Jahrzehnten wieder regelmäßig von Personenzügen befahren werden. Eine Machbarkeitsstudie bescheinigt dem Vorhaben einen volkswirtschaftlichen Nutzen und zeigt, wie die Verbindung bis ins schweizerische Ramsen oder sogar nach Stein am Rhein aussehen könnte. Doch trotz positiver Ergebnisse wurde das Projekt im Oktober 2026 vom Land Baden-Württemberg zurückgestellt. Was steckt hinter den Plänen, welche Chancen bietet die Bahn – und woran scheitert die Umsetzung bislang?

Eine alte Bahnstrecke als neue Verkehrsverbindung

Wer heute von Singen nach Rielasingen-Worblingen oder weiter ins schweizerische Ramsen reisen möchte, ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Bus angewiesen. Dabei existiert zwischen den Orten bereits eine Eisenbahnstrecke.

Die sogenannte Etzwiler Bahn wurde 1875 eröffnet und verband Singen über Rielasingen, Ramsen und Hemishofen mit Etzwilen in der Schweiz. Der reguläre Personenverkehr wurde 1969 eingestellt und durch Busse ersetzt. Später endete auch der Güterverkehr. Im Jahr 2004 wurde die Strecke schließlich stillgelegt.

Dass die Schienen heute noch existieren, ist vor allem dem Engagement von Eisenbahnvereinen und Stiftungen zu verdanken. Sie sicherten den Erhalt der Strecke und ermöglichen bis heute historische Museumsbahnfahrten. Ein wegen eines Kreisverkehrs unterbrochenes Gleisstück in Singen wurde 2019 wieder eingebaut, sodass die Strecke erneut durchgehend befahrbar ist. [1]

Die vorhandene Infrastruktur bildet nun die Grundlage für eine mögliche Rückkehr des regulären Personenverkehrs.

Was die Machbarkeitsstudie untersucht hat

Im März 2023 beauftragten die Stadt Singen und die Gemeinde Rielasingen-Worblingen das Verkehrsplanungsbüro Traffic Solutions mit einer Machbarkeitsstudie. Der Abschlussbericht vom September 2024 untersuchte zwei Varianten der Reaktivierung. [1]

Variante 1: Singen – Rielasingen – Ramsen

Die bereits zwischen Schaffhausen und Singen verkehrende S-Bahnlinie S62, auch als Rhyhas bekannt, würde über Singen hinaus bis Ramsen verlängert.

Die Züge sollen im Halbstundentakt verkehren. Das Fahrplankonzept der Studie sieht beispielsweise eine Fahrzeit von rund sechs Minuten zwischen Singen und Arlen-Rielasingen sowie elf Minuten bis Ramsen vor.

In Ramsen wäre ein Umstieg in einen Bus nach Stein am Rhein vorgesehen.

Variante 2: Singen – Rielasingen – Etzwilen – Stein am Rhein

Die zweite Variante würde eine Verbindung bis ins schweizerische Bahnnetz ermöglichen. Dafür soll die S-Bahnlinie S29 aus Richtung Winterthur und Stein am Rhein bis Singen verlängert werden.

Notwendig wäre unter anderem eine neue Verbindungskurve bei Etzwilen, damit die Züge von der bestehenden Strecke aus Richtung Stein am Rhein auf die Etzwiler Bahn gelangen könnten.

Beide Modelle berücksichtigen eine Elektrifizierung der Strecke und eine Modernisierung der Bahninfrastruktur.

Neue Haltepunkte für Singen und Rielasingen

Die Studie untersucht mehrere Bahnhalte, um Wohngebiete und Arbeitsplätze besser anzubinden.

Zu den vorgesehenen Stationen zählen:

  • Singen-Eisvogel
  • Singen-Schnaidholz
  • Rielasingen-Industriegebiet
  • Arlen-Rielasingen
  • Rielasingen-Talwiesen
  • Ramsen

Die genaue Gestaltung und Lage der Haltepunkte müsste in einer späteren Planung konkretisiert werden. Vorgesehen sind barrierefreie Zugänge und moderne Fahrgastinformationen. [1][2]

Gerade für Berufspendler könnte eine direkte Schienenverbindung zum Singener Bahnhof interessant sein. Dort bestehen Anschlüsse unter anderem in Richtung Konstanz, Radolfzell, Schaffhausen und Stuttgart.

Die geplante Bahn könnte somit mehr sein als eine kurze Verbindung zwischen zwei Nachbargemeinden: Sie würde Rielasingen-Worblingen unmittelbar an einen regionalen Eisenbahnknoten anschließen.

Die Berechnungen: Ein volkswirtschaftlicher Nutzen ist vorhanden

Das Ergebnis der Machbarkeitsstudie fiel für beide Streckenvarianten positiv aus.

Untersuchte VarianteNutzen-Kosten-Indikator
Singen – Ramsen1,2
Singen – Etzwilen / Stein am Rhein1,1

Ein Indikator über 1,0 bedeutet, dass der errechnete volkswirtschaftliche Nutzen die bewerteten Kosten übersteigt. Die Untersuchung berücksichtigt dabei nicht nur den eigentlichen Bahnverkehr, sondern beispielsweise auch Zeitgewinne, Umwelteffekte und Veränderungen im Straßenverkehr.

Für die kürzere Verbindung bis Ramsen liegt der rechnerische Nutzen rund 20 Prozent über den bewerteten Kosten, bei der längeren Variante etwa zehn Prozent.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Bahn ihre Ausgaben allein durch Fahrkartenverkäufe finanzieren würde. Der Nutzen-Kosten-Indikator ist eine volkswirtschaftliche Kennzahl und keine klassische Gewinnrechnung eines Unternehmens.

Auch die prognostizierte Nachfrage ist bemerkenswert: Die Studie berechnet auf den stärker genutzten Abschnitten in Singen mehr als 3.000 Personenfahrten pro Werktag, während auf dem Abschnitt zwischen Rielasingen-Talwiesen und Ramsen etwa 560 bis 630 Personenfahrten erwartet werden.

Diese Zahlen sind Modellprognosen für einzelne Streckenabschnitte und dürfen nicht mit der Anzahl unterschiedlicher Fahrgäste gleichgesetzt werden. [1]

Wie teuer wäre die Reaktivierung?

Die Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2024 beziffert die voraussichtlichen Investitionen in die ortsfeste Infrastruktur auf rund 20,2 Millionen Euro für die Verbindung bis Ramsen und rund 41,3 Millionen Euro für die längere Variante über Etzwilen.

Erforderlich wären unter anderem erneuerte Gleisanlagen, Oberleitungen, moderne Signaltechnik, gesicherte Bahnübergänge und geeignete Bahnsteige.

Bei der öffentlichen Vorstellung im November 2024 erläuterte das Verkehrsministerium, dass der Bund über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz bis zu 90 Prozent der zuwendungsfähigen Infrastrukturkosten fördern könne. Für die beteiligten Kommunen wurde ein Eigenanteil von rund zehn Prozent genannt. Hinzu kämen Planungskosten, die teilweise ebenfalls gefördert werden könnten. [2]

Für Singen und Rielasingen-Worblingen bliebe damit trotz möglicher Zuschüsse eine finanzielle Verpflichtung. Zudem handelt es sich bei den Kostenangaben um Berechnungen aus dem Jahr 2024 und nicht um verbindliche Baupreise für einen künftigen Projektstart.

Die Kritik: Was passiert mit dem Busverkehr?

Die mögliche Reaktivierung wird nicht von allen Beteiligten gleichermaßen begrüßt.

Bereits bei der öffentlichen Vorstellung der Studie im November 2024 äußerten Anwohner Bedenken hinsichtlich zusätzlicher Lärmbelastung und der Sicherheit an Bahnübergängen. Auch die im Betriebskonzept vorgesehene Neuordnung des Busverkehrs stieß auf Kritik.

Besonders wichtig ist dabei die Frage, welche Folgen die Bahn für Ortsteile hätte, die nicht unmittelbar an der Schienenstrecke liegen. Rielasingens Bürgermeister Ralf Baumert erklärte damals, dass die Bürgerinnen und Bürger in Worblingen bei einer Reaktivierung keine schlechtere Anbindung erhalten sollten. [2]

Ein weiterer Konflikt betrifft die grenzüberschreitende Verbindung.

Bei einem Abstimmungsgespräch am 4. Dezember 2024 machten Vertreter der Schweizer Kantone Schaffhausen und Thurgau deutlich, dass sie eine Verlängerung über Etzwilen bis Stein am Rhein nicht unterstützen.

Sie sehen im bestehenden Busverkehr eine besser geeignete Lösung für die Erschließung, insbesondere von Stein am Rhein.

Eine Bahnverbindung nur bis Ramsen wurde dagegen als überwiegend deutsches Vorhaben betrachtet. Für diese Variante erklärten sich die Schweizer Vertreter grundsätzlich gesprächsbereit, sofern die deutsche Seite das Projekt vorantreibt. [3]

Ein auffälliger Unterschied bei den Fahrgastzahlen

Noch deutlicher wird die Schweizer Position in den Stellungnahmen zum Nahverkehrsplan des Landkreises Konstanz.

Darin gibt der Kanton Schaffhausen an, dass die Busverbindung zwischen Stein am Rhein und Singen am Grenzübergang von weniger als 200 Fahrgästen täglich genutzt werde.

Aus Sicht des Kantons sei das grenzüberschreitende Potenzial deshalb gering. Busse könnten außerdem durch ihre dichtere Haltestellenfolge in den Siedlungsgebieten mehr Menschen erreichen.

Der Landkreis Konstanz widerspricht dieser Bewertung zumindest für den deutschen Streckenabschnitt. Er sieht dort ein hohes Nachfragepotenzial und hält an einer möglichen Teilreaktivierung fest. [4]

Die beiden Einschätzungen beziehen sich auf unterschiedliche Verkehrsbereiche: Während der Kanton die grenzüberschreitende Nachfrage hervorhebt, betrachtet der Landkreis insbesondere das Potenzial innerhalb des deutschen Siedlungsraums.

Oktober 2026: Das Land stellt das Projekt zurück

Trotz der positiven Machbarkeitsstudie gibt es inzwischen einen erheblichen Rückschlag.

Am 8. Oktober 2026 veröffentlichte das Verkehrsministerium Baden-Württemberg eine neue Priorisierung der geplanten Streckenreaktivierungen.

Zwölf Projekte wurden in die erste Kategorie aufgenommen und sollen vorrangig weitergeführt werden. Die Etzwiler Bahn zwischen Singen und Ramsen gehört jedoch nicht dazu.

Sie wurde in die zweite Kategorie, den sogenannten „Weiteren Bedarf“, eingeordnet.

Das bedeutet, dass das Land derzeit keine Unterstützung für die weitere Umsetzung dieser Projekte anbietet. Nach fünf Jahren sollen sie erneut bewertet werden. Eine frühere Prüfung neuer Initiativen bleibt grundsätzlich möglich. [5]

Als Begründung nennt das Verkehrsministerium die verschlechterte Finanzierung des Schienenpersonennahverkehrs. Insbesondere die verfügbaren Bundesmittel und steigende Infrastrukturkosten erschwerten die Finanzierung zusätzlicher Zugverbindungen.

Die positive Machbarkeitsstudie wurde damit nicht aufgehoben. Ihre Ergebnisse reichen aber gegenwärtig nicht aus, um dem Vorhaben einen Platz unter den vorrangig unterstützten Projekten zu sichern.

Wie reagieren Singen und Rielasingen?

Die beiden Kommunen bewerten die neue Situation unterschiedlich.

Wie der SÜDKURIER am 21. Oktober 2026 berichtete, sieht Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler einen regulären Bahnverkehr nun in weiter Ferne. Er verweist auf die finanziellen Belastungen und die fehlende Unterstützung für eine Weiterführung der Strecke durch die Schweiz.

Rielasingens Bürgermeister Ralf Baumert beurteilt die Rückstellung weniger endgültig. Er möchte die kommenden Jahre nutzen, um das Projekt weiter vorzubereiten und möglicherweise die Schweizer Seite stärker einzubinden.

Auch der Verein zur Erhaltung der Bahnlinie Etzwilen–Singen bedauert die Entscheidung des Landes. Er setzt sich weiterhin für die Wiederaufnahme des Personenverkehrs ein.

Eine weitere Idee betrifft einen regelmäßiger angebotenen Freizeitverkehr. Nach Angaben Baumerts gibt es beim Förderverein Museumsbahn Rielasingen-Singen Überlegungen, ab 2027 an ausgewählten Wochenenden entsprechende Fahrten zu etablieren. Ein beschlossenes reguläres Verkehrsangebot ist das bislang nicht. [6]

Was bleibt von der Idee?

Die Reaktivierung der Etzwiler Bahn zeigt, wie komplex die Rückkehr des Eisenbahnverkehrs auf eine historisch vorhandene Strecke sein kann.

Die Schienen existieren, eine Machbarkeitsstudie liegt vor und die volkswirtschaftliche Bewertung fällt positiv aus. Gleichzeitig müssten die Finanzierung, die künftige Organisation des Busverkehrs, die Auswirkungen auf Anwohner und die Zusammenarbeit mit der Schweiz geklärt werden.

Hinzu kommt eine politische Frage: Welchen Stellenwert erhält eine zusätzliche Bahnverbindung, wenn die finanziellen Mittel für den bestehenden Schienenverkehr bereits knapp sind?

Für Singen und Rielasingen-Worblingen ist das Vorhaben damit keineswegs entschieden. Ein Baubeschluss liegt nicht vor, ein Termin für die Wiederaufnahme des regulären Personenverkehrs ebenso wenig.

Die entscheidende Frage ist inzwischen nicht mehr allein, ob eine Bahnverbindung technisch und volkswirtschaftlich möglich wäre. Sondern ob die beteiligten Kommunen, das Land Baden-Württemberg und gegebenenfalls die Schweizer Partner bereit und in der Lage sind, sie tatsächlich umzusetzen.

Bis dahin bleibt die Etzwiler Bahn eine erhaltene Eisenbahnstrecke, auf der vor allem Museumszüge zeigen, was hier einst möglich war – und möglicherweise eines Tages wieder zum Alltag gehören könnte.

Ausflugstipp: Die Etzwiler Bahn selbst antreiben

Wer die historische Bahnstrecke schon heute auf ungewöhnliche Weise erleben möchte, kann zwischen Ramsen und Hemishofen selbst in die Pedale treten.

Der Verein zur Erhaltung der Bahnlinie Etzwilen–Singen bietet sogenannte Schienenvelos an. Die pedalbetriebenen Fahrzeuge fahren direkt auf den Eisenbahnschienen und bieten Platz für vier bis fünf Personen.

Die rund 90-minütige Fahrt führt vom Bahnhof Ramsen über Hemishofen bis zur historischen Rheinbrücke und zurück. Eine kürzere Variante dauert etwa 60 Minuten.

Der reguläre Betrieb findet von April bis Oktober an Sonntagen und Schweizer Feiertagen statt. Sonderfahrten sind auf Anfrage auch außerhalb dieser Zeiten möglich.

Die Preise: 50 Schweizer Franken pro Schienenvelo für die längere Fahrt, 30 Franken für die kürzere Strecke.

So lässt sich ein Teil jener Bahnverbindung, über deren Zukunft derzeit diskutiert wird, bereits heute auf eigene Faust entdecken – wenn auch mit Muskelkraft statt Elektromotor. [7]

Weitere Informationen und Reservierungen unter https://www.etzwilen-singen.ch/schienenvelo/ ↗

Quellen

Quelle 1 · 1 von 7
  1. 1Machbarkeitsstudie zur Reaktivierung der Bahnstrecke Singen–Ramsen (2024)
  2. 2Stadt Singen: Großes Interesse an Machbarkeitsstudie (20.11.2024)
  3. 3Stadt Singen: Etzwiler Bahn – Abstimmung zur Machbarkeitsstudie (29.04.2025)
  4. 4Landkreis Konstanz: Nahverkehrsplan 2025 – Stellungnahmen
  5. 5Land Baden-Württemberg: Reaktivierung von Schienenstrecken (08.10.2026)
  6. 6SÜDKURIER: Etzwiler Bahn – Ministerium bremst Reaktivierung aus (21.10.2026)
  7. 7Museumsbahn Etzwilen–Singen: Schienenvelo – Fahrten und Reservierungen

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